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Dr. med. Johann C. Ragg
Krampfadern, Besenreiser, Venenschwäche: Mehr über mein Therapiekonzept…
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Interview der Bild am Sonntag mit Dr. Ragg - 27.03.2011

Der Frühling kommt und mit ihm die Zeit der nackten Beine. Leider nicht immer ein schöner Anblick, denn an so mancher Wade schlängeln dicke blaue Adern entlang. Etwa ein Viertel der Deutschen haben Krampfadern – und viele tun sie als rein ästhetisches Problem ab. Dabei sind Varizen, wie sie unter Medizinern heißen, eine Erkrankung der Venen, die zu schweren, schmerzenden Beinen und sogar Thrombosen führen kann. Wie Krampfadern entstehen, wie sie behandelt werden und wie jeder am besten vorbeugen kann, sagen Experten in BILD am SONNTAG.

Krampft die Ader bei einer Krampfader wirklich?
Dr. Johann C. Ragg, Chefarzt der angioclinic®, Fachklinik für Venenerkrankungen, Berlin: „Nein. Der Name Krampfader kommt von Krummader. Erkrankte Adern schwellen an und treten deutlich hervor. Mit den Jahren legt sich eine Krampfader immer mehr in Kurven. Sie krampft nicht, sondern ist im Gegenteil zu schlaff.“

Was sind die Ursachen?
Dr. Ragg: „Eine Überlastung der Venen durch Sitzen und Stehen. Krampfadern sind ein Zeichen einer vernachlässigten und unbehandelten Venenschwäche. “

Wie viele Menschen haben in Deutschland ein Problem mit ihren Venen?
Dr. Ragg: „25 Prozent der Frauen und 21 Prozent der Männer über 35 Jahre sind venenkrank“. Etwa 17% haben Krampfadern, und mehr als 50% haben Besenreiser.

Also sind Krampfadern nicht nur ein Problem von Älteren?
Dr. Ragg: „Krampfadern können bei angeborenen Venenfehlern schon bei 16-Jährigen auftreten.“

Wieso ist ein intaktes Venensystem für den gesamten Körper so wichtig?
Dr. Ragg: „Das Venensystem ist im Körperkreislauf sozusagen die Recycling-Abteilung. Venenblut ist sauerstoff- und nährstoffarm, dafür schlackenreich. Es muss rasch zurück zu Herz, Lunge und Leber. Funktioniert eine Vene nicht, sammelt sich verbrauchtes Blut mit Stoffwechselschlacken an. Das ist wie bei einem Streik der Müllabfuhr: Der Müll staut sich. Daher kommen auch die Beschwerden: schwere Beine, Kribbeln, Druckgefühl, Schmerzen beim längeren Stehen.“

Wie gefährlich sind Besenreiser?
Dr. Ragg: „Nur die kleinsten Besenreiser sind in den meisten Fällen ein ästhetisches Problem. Sie sind Mini-Krampfadern und bilden sich aus erweiterten Hautäderchen. Sie können auch bei Menschen mit gutem Bindegewebe auftreten. Oft sind sie ein Hinweis auf eine darunter liegende Venenschwäche. Deshalb ist es wichtig, die Venen, so wie man auch seine Zähne regelmäßig checken lässt, untersuchen zu lassen. Krampfadern muss heute niemand mehr bekommen.“

Welche Folgen können (unbehandelte) Krampfadern haben?
Dr. Ragg: „Es kann zu Thrombosen, Wassereinlagerungen und Hautschäden bis zum offenen Bein kommen.“

Stichwort Behandlung: Wie gut wirken selbstkäufliche Mittel wie Extrakte der Rosskastanie oder Weinlaub? Dr. Ragg: „Selbstkäufliche oder verordnete Venenmedikamente können helfen, leichte Beschwerden zu lindern, wenn man sie langfristig einnimmt. Sie ersetzen aber nicht notwendige Behandlungen.“

Welche neuen Behandlungs-Methoden werden heute angewandt?
Dr. Ragg: „Zu den neueren Methoden zählen die Behandlungen per Laser, Radiowellen und die mit einem Dampfkatheter. Alle arbeiten mit thermischer Energie. Dabei wird die Vene von innen geschädigt und verödet. Außerdem wird mittlerweile auch spezieller Mikro-Schaum zur Verödung eingesetzt. All diese Verfahren können ambulant durchgeführt werden, werden von der gesetzlichen Kasse aber nur in Einzelfallentscheidungen übernommen. Die Kosten sind von Methode und Ausmaß der Erkrankung abhängig. So kostet eine Behandlung von oberflächlichen Krampfadern mit Schaumtechnik rund 350 Euro, eine Behandlung von Stammvenen per Laser oder Radiowelle rund 1250 Euro.“


Fallbeispiele

„Die Krampfadern habe ich von meiner Mutter geerbt.“

NAME: Silke Jacobsen (37). Krankenschwester
VERLAUF: „Als ich vor sieben Jahren schwanger war, entdeckte ich plötzlich, wie eine Vene auf der Wade stark hervortrat. Nach der Geburt blieb sie. Der Schmerz nahm zu, war drückend und kneifend. Ich stehe tagsüber viel als Krankenschwester, dann schmerzt die Wade heftig. Ich bandagierte sie, trug Kompressionsstrümpfe. Das half nur kurzfristig. Ich bin zum Arzt.“
BEHANDLUNG: „Die Ultraschallaufnahme zeigte: Die Venenklappen der Stammvene sind defekt, das Blut staut sich nach unten. Mit Radiowellen-Therapie wurde die Vene behandelt. Durch die Wärme verklebten die Aderwände. Die Krampfadern habe ich von meiner Mutter geerbt.“
SITUATION HEUTE: „Es tut nichts mehr weh. Trotzdem mache ich täglich Venengymnastik.“

„Aufgrund der Minikrampfadern zog ich keine Röcke mehr an“

NAME: Ilka Reichelt (37), Managementassistentin
VERLAUF: „Vor 12 Jahren waren sie plötzlich nach einer Knie-OP da: kleine Mini-Krampfadern, die man direkt unter der Haut sehen konnte. Sie taten nicht weh, sahen aber hässlich aus. In den letzten Jahren wucherten sie, waren auch am rechten Oberschenkel, an der Wade, zum Schluss überall. Irgendwann zog ich keine Röcke mehr an. Vor vier Jahren fingen diese Stellen an, weh zu tun, piekten wie Nadelstiche besonders in den Kniekehlen. Vor acht Monaten bin ich zum Gefäss-Spezialisten.“
BEHANDLUNG: „Der stellte fest: Ich hatte Mini-Krampfadern in den kleinen Venen. Es wurde Spezialschaum in die Venen gespritzt. Dadurch starben sie ab.“
SITUATION HEUTE: „Ich bin froh, schmerzfrei und kann endlich wieder Röcke tragen, denn man sieht nichts mehr!“

„Vor Schmerzen konnte ich keine 15 Minuten mehr stehen“

NAME: Dirk Retzlaff (47), Netzwerksicherheitsingenieur
VERLAUF: „Als ich 30 wurde, wurde die Ader an der rechten Wade immer dicker. Immer häufiger schlief mein Bein ein und tat weh. Ich wusste, dass es Krampfadern sind, meine Oma hat auch welche. Im letzten Jahr wurden die Schmerzen unerträglich: Ich konnte keine 15 Minuten an der U-Bahn-Station stehen. Ich bin zum Arzt.“
BEHANDLUNG: „Der Arzt stellte fest: Eine gesunde Vene hat einen Durchmesser von 4 bis 6 Millimeter. Bei mir hatten die kurze und die lange Sammelvene 11 bis 15! Ein Blutfluss fand kaum noch statt! Zusätzlich hatte sich bereits ein Lymphödem gebildet. Per Laser verödete der Arzt die Venen. Ich bekam einen Kompressionsstrumpf. Schon zwei Stunden nach der OP konnte ich Auto fahren.“
SITUATION HEUTE: „Die Schmerzen sind weg. Herrlich!“

„Abends waren die Füsse um eine Nummer dicker als morgens“

NAME: Nadine Breisacher (25), medizinische Fachangestellte
VERLAUF: „Vor zwei Jahren fing es an: Abends waren beide Beine geschwollen. Sogar die Füsse waren um eine Schuhgröße Nummer dicker. Erst, als wir in der Berufsschule Krampfadern durchnahmen, wusste ich, was los war.“
BEHANDLUNG: „Per Sonographie stellte der Arzt fest: In jedem Bein arbeiten die Stammvenen nicht richtig. Würde ich nichts unternehmen, drohe irgendwann ein offenes Bein. Ich stimmte einer OP zu. Der Eingriff im linken Bein dauerte 40 Minuten. Wasserdampf und Mikroschaum verödeten zwei Venen. Zwei Wochen musste ich einen Kompressionsstrumpf tragen.“
SITUATION HEUTE: „Das linke Bein bleibt auch nach einem langen Arbeitstag normal schlank. Jetzt lasse ich das rechte Bein ebenso behandeln.“

„Ich habe schon zwei Krampfader-OPs hinter mir“
oder:
„Ich konnte kaum noch auf der Leiter stehen und arbeiten“

NAME: Thomas Felger (38), Stuckateur
VERLAUF: „1984 fing ich mit Extremsport an, machte ab da täglich bis zu dreieinhalb Stunden Kraftsport. Da gingen die Beinschmerzen los. Ich dachte an eine Art Muskelkater, versuchte es mit Cremes und Bandagen. Erst als ich vor vier Jahren nur noch Minutenweise auf der Leiter stehen konnte, bin ich zum Arzt. Der stellte Krampfadern in der rechten Wade fest. Die defekte Vene wurde in einer ersten OP gezogen. Sechs Monate später schwoll die Wade wieder an, es bildeten sich kleine Beulen unter der Haut. Vor vier Monaten bin ich zu einem anderen Arzt.“
BEHANDLUNG: „Diesmal waren kleinere Verbindungsvenen, an der Innenseite des Unterschenkels betroffen. Der Arzt sagte, der extreme Sport hat diese Venen überlastet. Er spritze Schaum hinein, verödete sie so. Der Eingriff dauerte nur 20 Minuten.“
SITUATION HEUTE: „Der Druck im Unterschenkel ist weg, ich kann ohne Pausen arbeiten.“